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Die Mohrenwirtin
Ausserferner Eigenart
 
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  Wolfgang A. Ruepp
Am Steinbruch 6
6600 Reutte
Österreich
 
 
 
Buch: Ausserferner Eigenart
Erschienen ist das Buch 'Ausserferner Eigenart' im Dezember 2004 im Ehrenberg Verlag.
Auflage: 5000Stk
Preis: 13,90€
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Der Autor stellt ihnen folgende Kapitel als Leseprobe zur Verfügung:




Ausserferner Eigenart - Titelbild
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... und das vorweg
Je weiter man von daheim weg ist, je länger man seiner Heimat fern, desto schärfer wird der Blick auf daheim, desto genauer das Bild von zuhause. Das Bild von den Lieblingsplätzen, am Plansee, wo man sitzt, hinausschaut, hineinspringt. Das Bild vom Lech in Forchach, den man belauscht, bestaunt, bewundert. Das Bild vom Hochvogel oder den Geierköpfen, wo man oben steht und strahlt. Auch das Bild von den „ eigenartigen Menschen “, die kommen, bleiben oder wieder gehen, die dort leben, wohin man immer wieder zurückkommt.
So entsteht ein Buch über uns Außerferner, geschrieben von mir, einem Außerferner, der ich in alten Reiseführern und Büchern herumgeschmökert habe, was denn so über uns geschrieben und gesagt wird, der ich mir in zahllosen Gesprächen aktuelle Eindrücke gesammelt habe. Altes und Neues habe ich vermischt mit dem, was über Jahre hinweg in mir gewachsen ist.
Damit versuche ich ein Bild zu zeichnen, ein Bild vom Leben im Außerfern, geprägt von Landschaft und Natur, Nähe und Distanz, Arbeit und Verkehr. So entsteht ein Buch voller Wahrheiten und Fantasien. Alles ist wahr, was da steht in diesem Buche, jeder Satz, jedes Wort; manchmal sogar das Gegenteil.
... über die Acha k’hackte
Sie sind für die Einen die „ Acha k'hackte , dia mit d'r Täscha voll Fläscha in Markt achi loffa“ . Für die Anderen wortkarge Talbewohner, die dort leben, wo viele Tiroler noch nie waren, wo die Deutschen und Holländer durch müssen auf dem Weg nach Tirol, auf dem Weg in den Süden . Sie sind dort zu hause, wo die meisten Menschen „z'widere Molla“ sind, die Landschaft und das Klima auch so, eben unfreundlich, kühl und abweisend.
„Ein eigenartiger Sonderstamm der Allgäuer, sonst aber fleißige und regsame Leute, in ihrem Wesen mitunter an genügsame Bergziegen erinnernd“ ( Schinagl 1973) und „fast durchwegs katholisch, jedoch tolerant in jeder Hinsicht.“ (Trisanna 1913). Das sind die Außerferner.
Aber sind sie tatsächlich so die Menschen hier im Außerfern? Die Außerferner mit ihrer ihnen eigenen Art, mit ihrer Eigenart?
Eines vorweg: Die Außerferner Eigenart gibt es nicht. Vielmehr gibt es die zahlreichen Außerferner Eigenarten .
Diese schauen wir uns jetzt doch etwas genauer an.
Die Außerferner sind auf dem Papier Tiroler, oder sie sollten es jedenfalls sein. Dann sind sie wie alle Tiroler „einzigartig“. „Sie sind kein Volk, sie sind keine Nation und keine Nationalität, sie sind keine Rasse, sie sind ein Menschenschlag. (…) die Tiroler sind ein knorriger Menschenschlag.“ ( Weigel 1967)
„Und so sind die echten Tiroler bis auf den heutigen Tag davon überzeugt, dass die echten Tiroler nur im Oberland, also westlich von Innsbruck, leben. Und je mehr sie sich dem Arlberg nähern und gar das Inntal aufwärts gegen die Schweizer und die italienische Grenze zu hausen, umso echter werden sie.“ (Schinagl)
... sind die Außerferner überhaupt Tiroler?
Also gehören die Außerferner jenseits da überhaupt dazu zu den einzigartigen , echten Tirolern diesseits des Fernpasses?
Schauen wir einmal, wie in Inner-Tirol sonst noch gedacht wird.
Den Oberinntalern sagt man nach, sie seien schwerblütig, die Unterinntaler seien leichtgläubig, die Außerferner tüchtig und gerissen, die Osttiroler innerhalb Tirols das , „was Tirol innerhalb Europas ist: asketisch, fromm, konservativ, patriarchalisch, nüchtern. (…)Die Oberinntaler sind gegen die Unterinntaler, beide gegen die Außerferner, sie alle vertragen sich schlecht mit den Innsbruckern und umgekehrt .“ (Schinagl) Deshalb nennt man ja die Innsbrucker auch liebevoll Koatlackler , die felsefeschte Oberländer Scharrer usw. usf.
Zu den harten Fakten jetzt.
Der Außerferner ist tüchtig und fleißig, das steht fest, haben ihn doch „die einstige Abgeschiedenheit, die Natur und der harte Lebenskampf“ (Fuchs 1984) so geprägt, dass ihm nichts anderes übrig blieb als eben fleißig, sparsam und tüchtig zu sein. Denn „im allgemeinen sind die Lebensbedingungen für die brave, strebsame und tüchtige Bevölkerung des Bezirkes nicht günstig zu nennen.“ (Trisanna)
Und wenn er bei seiner Einwanderung aus der Steiermark, aus Wien oder Ex-Jugoslawien noch nicht tüchtig war, dann wird er es eben. Jedenfalls baut sich jeder sein eigenes Haus, früher mit oder ohne Fremdenzimmer, heute mit oder ohne Ferienwohnung.
... wie die Außerferner so sind
Der Tannheimer gilt als „ oaga “ - eigen, der Lechtler als „ v'rdruckt “ oder „v'rdreht“, der Zwischtentorer „ isch uaml so, uaml andersch“ und der Reuttener gilt als eingebildet, „dia moana, sie sai eppas Bsundrigs . Den Berwangern und Vilsern kommt innerhalb der inhomogenen Außerferner Rasse eine anthropologische Sonderstellung zu. Der Berwanger gilt als „ vrschloga “ (= verschlagen), der Vilser als eigenartig . Im Volksmund klingt das dann so: „ Es gibt Bearger, Vilsar und Lait “. (= Berwanger, Vilser und Leute). Oder auch: „ Es gibt Männla, Waibla und Vilsar .“ (=Männer, Frauen und Vilser)

Und diese „ Huamhocker “ erkennt man rasch an der massigen Körperfülle, oft gepaart mit einer trägen Art der Fortbewegung. Dazu gesellt sich dann oft noch eine entsprechende weltoffene, gewandte Ausdrucksweise der groben und derben Art.

Der Außerferner Huamhocker ist mobil. Er fährt Rad – Vierrad oder Allrad oder beides. Zuerst Traktor, dann Golf, später irgend etwas anderes, off-road vielleicht. Echte Rad-Fahrer gibt es auch. Die einen benutzen ihr Bike – ja man spricht wirklich so trendig vom Biken und Bike hier -, um von da nach dort zu kommen, auf die Arbeit oder den Berg. Die anderen lüften es auf ihrem Autodach und bringen es von da nach dort, um es dann nach kurzer, zweckgemäßer Verwendung auf einen Gipfel tragen zu können. Das macht der Außerferner Biker am liebsten.
Nicht die Biker, schon eher die Huamhocker und überhaupt: manche Außerferner beurteilen sich in ihrer Selbstwahrnehmung als z'wieder , andere als ead . Wie man das übersetzt? Lieber gar nicht; es ist nicht möglich. Man lässt ihn am besten in Ruhe, wenn er nach einer kurzen Nacht am Morgen um sieben geweckt wird. Da ist er nämlich z'wieder . Ead war er noch drei Stunden vorher, weil er trotz wiederholter Aufforderungen um vier Uhr kein Bier mehr bekommen hatte. Wenn er z'wieder ist, will er eben oft alleine sein: „ Loss mi in Rua, i bin iatz zwieder “, oder „ iatz bin i norrat, red mi it ou “. Dass dieses unausgeglichene menschliche Innenleben nicht auf die Männerwelt beschränkt ist, beweist die weibliche Bezeichnung „dia Zwiederwurza “. DER „ zwiedre Molla“, DER „Muchl“ oder DER „Muhaggl “ scheint wiederum männlich zu sein, wohl deshalb, weil dia Molla geplagt sind von wortkarger, temperamentloser Unfreundlichkeit. Und diese Eigenschaften treffen selbst im Außerfern nicht auf die weiblichen Wesen zu. Unfreundlichkeit vielleicht, aber sicher nicht Wortarmut oder gar Temperamentlosigkeit. Hier gibt es eher eine „ Bissgurra “, ein im Wesentlichen weibliches Wesen, das Temperament und Mundwerk in penetranter Form zeigen kann. Ja, scharf seien sie, besonders die Frauen im Lechtal, wo es oft heißt „do hot sie d'Hose ou, do muaß er parriera“. Sogar am Stammtisch beim Viererwatter.



Der Außerferner kann aber auch anders sein, z'frieda zum Beispiel. Der Eine isch z'frieda mit si salt – ist mit sich selber zufrieden -, wenn er fleißig g'schoffet hott . Der Andere ist zufrieden, wenn er mit dem wenigen Geld für seine Arbeit dem Enkel ein Moped kaufen kann. Manche brauchen die Arbeit nicht, es genügt ihnen das Geld zu ihrer Zufriedenheit. Es gibt aber solche Außerferner, die sind nie zufrieden. Aber das ist so wie überall auf der Welt; eigentlich rätselhaft, weshalb bestimmte Menschen mit dem zufrieden sind, was sie sind und was sie haben, während es andere unaufhaltsam zu mehr, zu Neuem, zu Fremdem drängt.

Auch für uns Außerferner gilt: Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir, materiell wie immateriell. Je mehr wir haben, desto weniger wissen wir, wer wir sind. Das ist wohl der Grund dafür, dass man, wenn es Auswärtige vorschlagen, einen Nationalpark zu machen, diesen nur als Naturpark haben will. Dass man immer noch weiß, wer man ist: der weit blickende, visionäre Außerferner.
... wie man im Außerfern so redet
Dass das Außerfern in Regionen aufgeteilt ist, ist nicht gottgewollt. Da gibt es einmal als wichtiges Einteilungskriterium die Sprache, wofür die Außerferner tirol- und österreichweit beneidet, verspottet und verachtet, geschätzt und belächelt werden. Das war schon früher so - „Auch die Sprache wird bald rauer, zumal in den Kehllauten“ (Steub) – und ist heute so noch immer : „Kein anderer Tiroler spricht das A so klar und rein, wie es die ‚Achag'hackten' (=Heruntergehackten) tun.“ (Reiter) Ja, daran scheitern sie dann kläglich in Ermangelung ausgeprägten Artikulationsvermögens, die St. Johanner und Kitzbühler, die Innsbrucker und Imster, die Stubai- und Zillertaler. Alle scheitern sie an dem von ihnen kreierten Gaumen- oder Zungenbrecher „Acht mal acht isch achag'kackt“.

Und wegen dieser sprachlichen Sonderbegabung würde man uns Außerferner dann fast lieber mit den in Tirol sowieso als Sprachexoten belächelten Vorarlbergern verwechseln.
Obwohl: Eine Ausnahme bilden anscheinend wie so oft auch hier die Lechtaler. Die „ haben keine so geläufige Zunge wie ihre Nachbarn in Vorarlberg und im Reuttener Talkessel.“ (Reiter)
Doch das machen sie dann mit übertriebener Lautstärke wieder wett. Noch immer sind dort scheinbar die lautesten Argumente die besten. Überhaupt, die Sprache ist hart, im Lechtal, hart wie der Umgang. Ungezogene Kinder etwa nennt man in Reutte „ Fratza “, im Lechtal werden alle Kinder so bezeichnet. Nicht, weil alle ungezogen sind. „ Zu de Kint saht ma holt Frotza “ – zu Kindern sagt man eben Fratzen.
Vorweg aber: Wenn sie reden, die Außerferner, dann sprechen die Einen bayrisch, die Anderen schwäbisch und der Rest alemannisch, dies alles bei fließenden Übergängen teils mit türkischem oder serbo-kroatischem Einschlag.
Ja wirklich, alle Außerferner reden, wenn sie reden, zwar eine Art Deutsch, aber eben nur eine Art. Bevor wir aber von der Sprache reden, wollen wir über das Reden schreiben. Der Außerferner sei wortkarg oder manchmal kurz angebunden. Er zeige als Visitenkarte sein hartnäckiges Schweigen herum, heißt es da und dort .
Im Unterschied zu den Bayern soll also unter den Tirolern im Allgemeinen und unter den Außerfernern im Besonderen die Redefreudigkeit beängstigend abnehmen. Was ist davon heute noch richtig? Horchen wir also hinein in die sprachliche Eigenart des Außerferns.
Der Lechtaler „geat oi“, geht er in den Keller Erdäpfel holen, der Reuttener „goht achi“ , der Vilser „goht na“ , der Berwanger „ geat ocha“ . Und wie der Ehrwalder holt auch er keine Erdäpfel mehr. Der „geat acha“, holt die Pommes Frites für seine Hotelgäste „vo dunta aua“. Er trägt sie also „aua“, fast wie der Reuttener auch, der Vilser holt sie „nauf“. Dann „ sin si douba“ für den Ehrwalder ; der Reuttener hat sie hob oder hoba (=heroben). Das mit den lokalen Angaben hat schon so eine Eigenart. Der Reuttener geht vor das Haus aussi - hinaus , dann isch er duss . Wenn es regnet geht er lieber „ eini “, dann ist er „ drai “. Aus eigener Sicht ist er dann „hinn“ oder „hinna“, der Vilser geht „nai“ , der Lechtler geht „eia“. Dann sind die „dinn“ oder „drai “– aus der Sicht des Beobachters, oder hinn oder hinna aus seiner Sicht. Der Tannheimer ist hienet – herüben – oder dienet – drüben, „ humma “ oder „ dumma “, wenn er im ersten Stock sitzt. Der Reuttener sagt dafür „ hena “ oder „ dena “ bzw. ist „ hob “ oder „ dob “. Eigentlich fast wie im Hochdeutschen: man ist drinnen, draußen, droben, drüben oder man ist herinnen, heraußen, heroben, herüben. Alles klar?
Für hier und dort sagt der Lechtaler„ do “ und „ deita “, der Reuttener, Vilser oder Ehrwalder „ hein “ und „ dein “. Total verwirrt?
Vielleicht wird das alles an folgender Situation in Reutte verständlicher:
Der Vater sitzt im Haus, die Tochter arbeitet im Garten. Er ist aus seiner Sicht im Haus „ hinn “, aus ihrer Sicht „ drai “. Sie ist aus seiner Sicht im Garten duss oder dussa , aus ihrer Sicht huss oder hussa . Er sagt zu ihr: „Kumm eina!“ S ie versteht nicht genau und fragt :„Soll i eini kumma ?“. Er: „ Ja, kumm eina!“ Jetzt sind beide im Haus „ drai “, „ dinn “ oder „ dinna “. Sie fragt, wo denn die Mutter ist. Er antwortet: „Sie isch oba doba, abr sie kummt glei acha“ – sie ist im ersten Stock oben, kommt aber gleich herunter. „Wenn sie hund isch, miassat dr zuar Nachbari ummi“ – wenn sie herunten ist, müsst ihr zur Nachbarin hinüber.
... Die Kuh ist des Außerferners Wappentier
Wollte das Außerfern ein Wappentier, es müsste die Kuh sein. Als Verkörperung des nach wie vor vitalen, bäuerlich geprägten Heimat-Mythos' hätte die Kuh in dieser heraldischen Stellung jede Berechtigung. Denn sind die Außerferner nicht trotz der großen Rückgänge der Rinderhalter im Innersten noch alle ein bisschen Bauer geblieben? Dem Außerferner jauchzt das Herz beim Anblick kleinbäuerlicher Bauernidylle und saftiger Almwiesen durchsetzt mit Kräutern und Alpenblumen.

Das ist natürlich sentimentales Gewinsel. Der Außerferner nimmt Anteil - bedauernden Anteil - am fortschreitenden Bauernsterben, kauft die Billigmilch aus Deutschland, den in Scheiben geschnittenen, in Folien verpackten Käse aus Holland, das in Österreich produzierte, in Deutschland designte und in Italien abgefüllte Joghurt.

Aber irgendwo muss es doch eine Art Nostalgie geben, aus der sich der Umstand erklären lässt, dass die Anzahl der Bauern im Landtag – gemessen an ihrem Anteil in der Bevölkerung – mit zunehmender Abnahme der Rinderhalter zunehmend zunahm . Also Landesmacht in Bauerntracht. Und von irgendetwas muss man ja auch leben, denn „ die Unterländer Bauern sind wohlhabend, die Oberländer arm. Dafür haben die armen Oberländer größeren politischen Einfluss. (…) seit eh und je ist man im Tiroler Landhaus darauf bedacht, möglichst alle führenden Positionen des Landes mit möglichst echten Tirolern zu besetzen“. (Schinagl) Und ein echter Tiroler ist, wer Bauer ist. Und von scheinbar echtem Einfluss lässt sich's gar nicht so schlecht leben.

Dabei war Tirol im Allgemeinen und das Außerfern im Besonderen nie ein reines Bauernland. Obwohl immer wieder behauptet wird, die „verbissenen Bergbauernreserven seien auch entscheidende Kraftreserven des Landes , die in den unzugänglichen Berghöhlen und Bergdörfern leben, durch staatliche wie landeseigene Subventionen vielfach gestärkt, mit dem Zählen erntbarer Grashalme beschäftigt und von ihnen zweieindrittel Ziegen und eineinhalb Kühe ernährend“. ( Schinagl)
 
 
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